KZ-Außenlager St. Aegyd

Gründung des Konzentrationslagers

Das KZ-Außenlager St. Aegyd wurde am 2. November 1944 eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt wurden erstmals 300 Häftlinge mit dem Zug aus dem KZ Mauthausen nach St. Aegyd deportiert. Den Auftrag für die Errichtung dieses KZ-Außenlagers gab die kraftfahrtechnische Lehranstalt der Waffen-SS (KTL Wien), die in der Fasangartenkaserne in Wien-Schönbrunn untergebracht war. Zweck des Lagers St. Aegyd sollte ein Prüfstand bzw. eine Teststation für die in der KTL Wien entwickelten alternativen Motorentechnologien für Panzer sein. Dementsprechend firmierte das St. Aegyder Außenlager auch unter der Bezeichnung „Kraftwerktechnische Versuchsanstalt der Waffen-SS (KVA)“. Tatsächlich waren die Häftlinge aber im Lageraufbau beschäftigt, zur Umsetzung des eigentlichen Zwecks kam es aufgrund des Kriegsendes nicht.

Lokalisierung

Das KZ-Außenlager St. Aegyd am Neuwalde wurde auf einer freien Wiesenfläche auf einer Anhöhe oberhalb des Ortszentrums errichtet. Die betroffenen Flächen befanden sich im Besitz der katholischen Kirche und wurden 1944 beschlagnahmt. In ganz St. Aegyd wurden die Häftlinge zu Arbeitskommandos eingeteilt, um Baumaterialien für den Lageraufbau (Holz, Schotter etc.) zu gewinnen. Neben den zwei Häftlingsbaracken befanden sich noch zwei kleinere Baracken, in denen ein Bad bzw. die Latrine untergebracht waren. Unmittelbar außerhalb des Stacheldrahtes befanden sich zahlreiche weitere Gebäude der SS‐Bauleitung, Küche, Tischlereibaracke, Mannschaftsbaracke sowie Behelfsbaracken für volksdeutsche Flüchtlinge aus Osteuropa. Die heutige Zufahrtsstraße, die Pfarrsiedlung, entspricht in etwa der damaligen Lagerstraße, die zum Schutzhaftlager führte.

Informationen über die Häftlinge

Zwischen November 1944 und Ende März 1945 befanden sich insgesamt 497 Häftlinge für kürzere oder längere Zeit im KZ-Außenlager St. Aegyd. Sie stammten aus 18 verschiedenen Nationen. Der Großteil der Häftlinge waren polnische „Schutzhäftlinge“. Weitere große Gruppen stellten russische Zivilarbeiter (RZA), Häftlinge aus der Sowjetunion, italienische und jugoslawische Schutzhäftlinge. Nach bisherigem Wissensstand ist von 46 Todesopfern auszugehen.

Zwangsarbeit

Die Häftlinge waren durchwegs im Lageraufbau eingesetzt und leisteten auf zahlreichen unterschiedlichen Kommandos Zwangsarbeit. Sie wurden auch beim Wegebau, bei Forstarbeiten und in der Holzverarbeitung eingesetzt. Die Haft- und Arbeitsbedingungen waren besonders hart, die Bewacher äußerst gewalttätig. Nach nur zwei Monaten wurde mehr als die Hälfte der Gefangenen als arbeitsunfähig eingestuft. Über 140 Häftlinge wurden in das KZ Mauthausen zurücktransportiert.

Bewachung

SS‐Oberscharführer Willi Auerswald fungierte als Schutzhaftlagerführer in St. Aegyd, Rapportführer war Anton Perschl. Beide wurden im Rahmen von Nachkriegsprozessen zur Verantwortung gezogen – Auerswald in Dachau im Rahmen der Mauthausen-Prozesse, Perschl vor dem Volksgericht Wien. Die Wachmannschaft in St. Aegyd dürfte insgesamt aus rund 40 bis 50 Mann bestanden haben. Die meisten Wachmänner waren in Ost- und Südosteuropa rekrutierte „Volksdeutsche“. Untergebracht waren die SS-Wachen in der Volksschule St. Aegyd, die damals beschlagnahmt war.

Schließung

Das KZ-Außenlager St. Aegyd am Neuwalde wurde am 1. April 1945, gleichzeitig mit den Außenlagern im Großraum Wien, evakuiert. Die 301 Häftlinge wurden an diesem Tag in Waggons verladen und Richting Mauthausen abtransportiert. Die Überstellung dauerte insgesamt vier Tage und erfolgte nur in geringem Maße per Zug. Meist mussten die Häftlinge marschieren, eine Nacht verbrachten sie im Gefängnis Krems/Stein. Im Zuge der Evakuierung kamen vier Häftlinge ums Leben.

Gedenken und Erinnern

Nach Kriegsende wurden sämtliche Baracken abmontiert und von der Gemeinde verkauft, die gesamte Grundfläche wurde einige Jahre später in Bauparzellen aufgeteilt und an Familien veräußert. Heute befindet sich am Orte des damaligen Lagers eine Wohnsiedlung (Pfarrsiedlung). Noch 1945 wurde in einem durch eine Hecke abgegrenzten Bereich auf dem katholischen Friedhof (hinter der heutigen Aufbahrungshalle) ein Erinnerungskreuz errichtet. 1988 wurde es um eine Tafel mit der Aufschrift „80 unbekannte KZ-ler Kriegsopfer 1940-1945“ und einen Gedenkstein ergänzt. Seit 2010 existiert eine Audioinstallation, welche die Namen (gesprochen von Einwohnern des Ortes St. Aegyd) der bislang bekannten 46 Opfer wiedergibt. Im Jahr 2016 wurde die – inhaltlich fehlerhafte - Tafel entfernt und durch eine neue Tafel ersetzt, die folgende Inschrift trägt: „Im Gedenken an die Opfer des NS-Terrors im KZ-Außenlager St. Aegyd am Neuwalde. November 44 – April 45“  Hinweistafeln auf die Gedenkstätte sind im Ort nicht vorhanden, an einer Verbesserung dieser Situation wird derzeit gearbeitet. Die „Gedenkinitiative KZ-Außenlager St. Aegyd am Neuwalde (GISTA)“ organisiert jedes Jahr die Gedenkfeier und widmet sich einerseits der Aufarbeitung der Lagergeschichte und andererseits der konkreten Gedenkarbeit vor Ort. Im Programm des Mauthausen Komitees Österreich sind die Termine der Gedenkfeiern verzeichnet.

Fotos (Aktuell, Historisch, Topografie und Luftaufnahmen)

Aktuelle Gedenktafel die seit 2016 existiert
Gedenkstätte St. Aegyd- Friedhof
Kranzniederlegung - Gedenkfeier St.Aegyd
Katasterplan 1:1.000, ehem. Lagergelände; großteils die Grundstücke südlich der Bahnlinie
Überblick 1:5.000 mit GPS-Daten; 1=ehem. lagergelände, 2=Friedhof mit Memorial